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  Vorfall in Berlin am 10.7.2010

Update per 6.8.10 zum Vorfall in Berlin (siehe unten):

Nach der Analyse des defekten lineGrips und der zerfetzten Line, diversen Recherchen, sowie zahlreichen Gesprächen und Korrespondenzen mit den Akteuren und dem Betroffenen (Robert, dem der lineGrip in den Rücken geflogen ist), ergibt sich folgende Rekonstruktion.

Vorweg soll erwähnt sein, dass das Thema mit ablösenden Gummibelägen bei über 30°C, schon 3 Wochen vor dieser Aktion allen lineGrip-22 Besitzern bekannt gegeben und vor der Verwendung bei Hitze mit über 15kN eindeutig gewarnt wurde.

Der rekonstruierte Ablauf dieser Aktion:

  • gespannt werden sollte eine 210-220m lange slackPro Longline mittels lineGrip-22 Ser.01 und 18:1-Flaschenzug
  • gemäss Temperaturarchiv von wetterspiegel.de herrschten in Berlin am besagten Tag 37° im Schatten
  • das Band wurde in einem ersten Durchgang auf 16,2kN (1648kg) Spannung gebracht
  • der Flaschenzug wurde erneut zur vollen Länge ausgezogen und eine Person begann mit dem weiteren Spannvorgang
  • je mehr Seil "aus dem Flaschenzug gezogen war", um so mehr Personen packten mit an und zogen am Seil
  • zuletzt zogen mindestens 8 Personen, eventuell auch 9 oder 10, an dem Seil und liefen mit kontinuierlicher Geschwindigkeit nach hinten
  • ohne entsprechende Pausen konnte das lose Band zwischen lineGrip und Ankerpunkt nicht vollständig nachgespannt werden
  • und - am aller schlimmsten - die Personen befanden sich direkt neben und sogar fast unter der Spannausrüstung!

Dann passierte es...

  • zum Zeitpunkt, als grob geschätzt 20m Statikseil aus dem Flaschenzug gezogen waren (dies ergibt rechnerisch ca. 3kN mehr Spannung im System, als zu Beginn dieses zweiten Durchgangs - Kalkulation siehe unten), betrug die Gesamtspannung ungefähr 18-19kN
  • aufgrund der extremen Hitze und der zu hohen Zuglast verlor die fehlerhafte Verklebung der Gummibeläge am lineGrip ihre Festigkeit
  • der Gummibelag wurde immer weiter nach hinten aus den Klemmbacken gequetscht/gezogen
  • da keiner als Koordinator dieses Vorganges das Ganze überwachte, wurde dieser kritische Zustand der Gummibeläge nicht bemerkt (in der Anleitung der Serie 01 lineGrips ist deutlich vermerkt, dass ab ca. 3mm Gummiaustritt der Spannvorgang sofort beendet werden muss)
  • es kam wie es kommen musste... die Gummibeläge lösten sich und wurden mit dem Band aus den Klemmbacken gezogen
  • da nun das Band zwischen den blanken Aluklötzen hindurch glitt, war es nach ca. 50cm so stark beschädigt, dass es zu einem Bruch des Bandes kam
  • aufgrund der Dehnung des Statikseils im Flaschenzug wurde der lineGrip inkl. der vorderen Rollen des Flaschenzugs in Richtung der Personen, die am Seil zogen, katapultiert (durch das Ziehen am Seil lenken sie den lineGrip exakt in ihre Richtung)
  • weil einige der Personen sehr nahe an der vorderen Rolle standen und zudem noch auf der Innenseite des Seils, fast schon unter dem Flaschenzug, wurde einer von ihnen, Robert, vom lineGrip in den Rücken getroffen. Glücklicherweise erlitt er keine inneren Verletzungen und keine Knochenbrüche, aber es war zweifelsohne sehr schmerzhaft...

Die unglückliche Verkettung aller oben genannten Umstände führte zu diesem Unfall.
Die Vermeidung jedes einzelnen dieser Umstände für sich hätte den Unfall abwenden können:

  • wäre die Warnung bezüglich der Temperatur beachtet worden...
  • hätten alle von der Warnung gewusst, hätte sich vielleicht jemand durchgesetzt und bei 15kN den lineGrip ausgebaut
  • wäre es nicht so extrem heiss gewesen, hätte der lineGrip / die Verklebung auch leicht die spezifizierten 22kN gehalten
  • hätten weniger Personen gezogen, wäre derjenige am Ankerpunkt mit dem Nachspannen des schlaffen Bandes nachgekommen und der lineGrip hätte max. 20-30cm rutschen können
  • hätte jemand die Aktion koordiniert und überwacht, hätte derjenige wahrscheinlich die sich langsam anbahnende Ablösung der Gummibeläge entdeckt
  • und zuletzt: hätten sich die Personen hinter dem Baum aufgehalten, wie es "gelehrt" wird, dann wäre zumindest keiner verletzt worden

Berechnung der ungefähren Spannung im System anhand "heraus gezogenem" Statikseil

  • 18:1 Flaschenzug bedetet, dass für jeden Meter Statikseil am Zugende, 5,5cm Spannweg entstehen
  • daraus errechnet sich bei 20m heraus gezogenem Seil ein Spannweg von ca. 110cm
  • das slackPro 25mm Band hat ab 10kN Spannung eine Dehnung von ziehmlich genau 0,3% pro 1kN (wenn mit einer Geschwindigkeit von ca. 10kN pro Stunde gespannt wird)
  • daraus ergibt sich bei einem 200m Band ein Dehnweg von ca. 60cm pro 1kN
  • 110cm Spannweg entsprechen somit bei dem 200m Band einem Anstieg von ca. 2kN Spannung
  • zu Beginn des zweiten Spanndurchgangs war eine Spannung von 16,2kN gemessen worden
  • das ergibt eine errechnete Gesamtspannung von 18,2kN
  • da sehr schnell gespannt wurde, muss mit ca. 5% Spannungserhöhung gerechnet werden. Dies ist jene Spannung, die eine gespannte polyester Longline in der ersten Stunde nachdem sie gespannt wurde, aus technischen Gründen wieder verliert (siehe hier)
  • hieraus errechnet sich dann die ungefähre Gesamtspannung zum Zeitpunkt des Bruchs von ca. 18,5 - 19 kN
  • wenn man nun die sägezahn ähnlichen Kraftaufzeichnungen betrachtet, die beim spannen einer Longline mit Rollenflaschenzug auftreten, dann könnte die Last am lineGrip bei einer solchen Kraftspitze nochmal gut 1kN höher gewesen sein


Wetter in Berlin am 10.7.2010 (click)
      


Vorfall in Berlin vom 10.7.2010 - Stand 17.7.2010

Bislang ist ein einziger Fall aus Berlin bekannt, bei dem sich die Gummibeläge gelöst haben und die Slackline inkl. Gummibeläge ungebremst bei über 15kN aus dem lineGrip gezogen wurden. Die genauen Umstände und exakten Voraussetzungen, wie es zu diesem Versagen kam, werden derzeit noch ermittelt und der lineGrip sowie das betroffene Teilstück der Slackline müssen noch analysiert werden. Sobald Gewissheit herrscht, wird dies hier veröffentlicht. Sicher ist aber schon, dass dies bei über 30°C und über 15kN Zugkraft geschah - allen Warnungen zum Trotz!


   
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